Du bist nicht angemeldet.

Team-Speak-Server

CLAUSEWITZ FÜR UNTERWEGS

„Die Strategie bestimmt den Punkt, auf welchem, die Zeit, in welcher und die Streitkräfte, mit welchen gefochten werden soll; sie hat also durch diese dreifache Bestimmung einen sehr wesentlichen Einfluss auf den Ausgang des Gefechts.“

Dieser Satz Clausewitz' aus den 1830er Jahren hat die Entwicklung der Waffentechnik bis heute überlebt und zeigt sich auf Ebene unserer Simulation beispielsweise hervorragend in der Einsatzplanung eines Package:
In Planung und Koordination der Aufgaben der einzelnen Flights im Package liegt die Grundlage, ob es erfolgreich wirken kann, sein Einsatz abgebrochen werden muss oder ob es, im schlimmsten Fall, aufgerieben wird.

Dass es dabei nicht darum geht, möglichst ausgefeilte Schlachtpläne zu entwerfen und komplizierte Manöver auszuführen, ist später aufbauend auf Clausewitz' Grundaussage in zahlreichen Studien als „Ökonomieprinzip“ erkannt und dargelegt worden. Basierend unter anderem auf den Tücken der FRIKTION, die wir bereits kennengelernt haben, kommt beispielsweise Einstein zu seiner Feststellung „Man muss die Dinge so einfach wie möglich machen. Aber nicht einfacher.“

Einfachheit beginnt für Clausewitz mit der Überlegenheit der Zahl und der Konzentration der Kräfte im Raum. „Die beste Strategie ist: immer recht stark zu sein, zuerst überhaupt und demnächst auf dem entscheidenden Punkt. [Es gibt] kein höheres und einfacheres Gesetz für die Strategie als das: seine Kräfte zusammenhalten.“

31

Donnerstag, 3. September 2015, 20:06

Der Spion, der aus der Kälte kam XIII

"Der Attachée erwartet sie jetzt!"
Von Bieberstein sah von seinen Unterlagen auf. Der ehemalige Oberbefehlshaber des NATO Aegaean Command war erst seit wenigen Wochen im diplomatischen Dienst der Bundesrepublik Deutschland. Doch er wusste bereits jetzt, dass er sich an diese ewige Warterei vor Gesprächsterminen mit den Angehörigen ausländischer Vertretungen niemals gewöhnen würde. Insgeheim fragte er sich, ob es eine Art Machtdemonstration war, die er dabei stets über sich ergehen lassen musste. Als Militär war er es gewöhnt, schnell und präzise zu entscheiden. Zeit war mehr als Geld wert. Zeit konnte Menschenleben retten. In Dioplmatenkreisen schien man das anders zu sehen.

Von Bieberstein verstaute die Unterlagen mit den gekreuzten roten Balken auf der Umschlagsmappe, die sie als "streng geheime" Dokumente kennzeichnete, in seiner Aktentasche und folgte dem Botschaftsdiener, der ihn in einer etwas altertümlich anmutenden Livrée durch die Gänge der Botschaft der Rossijskaja Federazija zu Athen führte.

Am Ende des Flures öffnete von Biebersteins Begleiter eine doppelte Flügeltür. "Dimitri Petrow" stand auf einem recht neu wirkenden Messingschild. Der frisch gebackene Militärattachée an der deutschen Botschaft von Athen betrat das Büro seines russischen Amtskollegen.
Low lie the Fields of Athenry
Where once we watched the small free birds fly
Our love was on the wing, we had dreams and songs to sing
It's so lonely 'round the Fields of Athenry


-Eine Smith&Wesson übertrumpft vier Asse-

32

Sonntag, 6. September 2015, 20:54

Der Spion, der aus der Kälte kam XIV

Petrow erhob sich von seinem Stuhl, als von Bieberstein in das geräumige Büro geführt wurde. Er schritt um seinen eichenen Schreibtisch herum und begrüßte seinen Diplomatenkollegen mit ausgetreckter Hand.
Du bist also der Chef der Truppe, die mir auf dem Containerschiff vor Skiros beinahe das Lebenslicht ausgeknippst hätte, dachte Dimitri bei sich, als er überfreundlich, wie es im diplomatischen Geschäft üblich ist, von Biebersteins Hand schüttelte.
Dieser entgegnete den Gruß weniger herzlich. Er konnte den Wunsch, seinem Gegenüber an die Gurgel zu springen, nur mit aller Disziplin unterdrücken.
Ich werde es vielleicht nie lernen, schoss es von Bieberstein durch den Kopf.
Er war jedoch auch nicht dazu da, diplomatisches Gutwetter zu machen. Er war in die russische Botschaft gekommen, um eine Entwicklung zu beenden, die bereits seit Monaten auf höchster politischer Schiene verhandelt wurde und die nunmehr aus den Händen politischer Theorie in (militärische) Praxis umgesetzt werden sollte.

Nachdem die Förmlichkeiten beendet und die ersten mentalen Aggressionen sich gelegt hatten, bot Attaché Pawlow seinem deutschen Kollegen einen Platz an und setzte sich seinerseits wieder hinter den Schreibtisch. Mit ein paar Klicks öffnete er die am Morgen direkt aus dem „Minoborony“, dem Verteidigungsministerium der russischen Föderation, übersandten Dokumente auf seinem neuen MacBook Pro.
„Ein Apple?“, fragte von Bieberstein, „ich dachte Rover Computers ist in ihren geschützten Märkten der Haus und Hoflieferant.“
„Bei den Tischgeräten vielleicht“, entgegnete Petrow, „aber wissen sie, geschätzter Kollege, so ein Laptop kann einem heutzutage sehr leicht gestohlen werden. Und dann kommt es darauf an, dass die persönlichen Daten, die man darauf gespeichert hat, gut geschützt sind. Unsere Ingenieure haben für den Apple die beste Verschlüsselungssoftware programmiert. So kann der Dieb mit dem gestohlenen Gerät erst einmal nicht viel anfangen.“
Wie gut, dass es bei den Dieben auch gute Ingenieure gibt, dachte von Bieberstein, ohne weiter auf die Anspielung einzugehen. Frau Hauptmann Schatz hatte inzwischen die fähigsten Dechiffrierer beteiligt, und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die NATO herausfand, welches Spiel die Russen hier in der Ägäis eigentlich trieben.
Möglicherweise war es aber auch bald egal, welches Spiel die Russen gespielt HATTEN. Die Erkenntnis darüber diente dann nur noch als Karte in einem Spiel, das an einem anderen Tag auf einem anderen Feld gespielt werden würde. Darauf würde von Bieberstein aber allenfalls nur sehr begrenzten Einfluss haben. Er widmete sich also wieder dem Geschäft.

„Ich gehe davon aus, Genosse Petrow“, er wählte die sehr veraltete Anrede „Genosse“ bewusst, um sich für die Beschuldigung, er sei ein Dieb, zu wehren, „dass wir von unseren Regierungen die gleichen Informationen erhalten haben.“
„Das können sie, Oberst!“, erwiderte Petrow, für den der Titel „Genosse“ eher einer Ehrerweisung darstellte.
„Dann schlage ich vor, dass wir die in den Einsatzstäben vorbereiteten Unterlagen unterzeichnen und austauschen. Wenn die Planungen abgeschlossen sind, werden wir die letzten Details abstimmen.“

„Da, so werden wir es tun.“
Petrow gab klickte in seinem MacBook auf den Druckbefehl.
„Möchten sie einen Tee oder ein Eis, Oberst?“
„Nein Danke. Ich denke die Zeit für Eiscreme ist vorüber und bei Tee muss ich immer an Magenschmerzen oder Erkältung denken.“
„Sie sollten russischen Caj probieren, Oberst! Er ist etwas anderes als die Frucht-, Fenchel- oder Pfefferminzbeutel, die ihr Deutschen in heißes Wasser taucht.“ Bei diesem Rat schien Petrow sein Gegenüber das erste Mal aufrichtig freundlich anzulächeln.
„Ein anderes Mal vielleicht, Genosse Major.“ Von Bieberstein musste lachen. Vielleicht war dieser Spion ja doch nicht so ein Drecksack.

Der Botschaftsdiener trat ein und übergab Petrow einen Stapel Unterlagen sowie einen Umschlag, auf dem ein großes rotes „X“ prangte, und entfernte sich sofort wieder. Petrow parafierte jedes Blatt und steckte die Dokumente sodann in den Umschlag. Anschließend verklebte er den Falz und setzte mit feierlicher Miene das große Siegel seiner Botschaft darauf. Dann überreichte er von Bieberstein den Umschlag.
Der deutsche Attaché hatte seine Planunterlagen in einer herkömmlichen Laufmappe mitgebracht, die er dementsprechend auch mit wesentlich weniger Pathos an Petrow übergab.
„Auf gutes Gelingen, Genosse!“
„Auf gutes Gelingen, Oberst!“
Sie schüttelten einander die Hände und ohne dass er gerufen wurde, stand der Diener an von Biebersteins Seite.

Mit einem Kopfnicken drehte sich der deutsche Attaché um und verließ mit dem Botschaftsmitarbeiter den Raum.
Als er wieder in seinem Dienstwagen saß, der vor der Botschaft gewartet hatte, öffnete von Bieberstein den Umschlag und legte die übergebenen Dokumente Seite für Seite auf einen Scanner, der in der Mittelarmlehne im Fond des Wagens eingebaut war.

Fast gleichzeitig nahmen zwei unterschiedliche, kompliziert verschlüsselte Funksignale ihren Weg vom Botschaftsgelände der Rossiskaja Federazija in Athen hinauf zum abendlichen Himmel über der Stadt. Dort erreichten sie die Nachrichtensatteliten GONEZ und MILSTAR , die sie sofort wieder auf die Erde zurückwarfen. Dort kamen nur Sekundenbruchteile später im Moskauer „Minoborony“, im Pentagon am Rande von Washington und im NATO-Hauptquartier im belgischen Mons an. Dort erkannten die Computer automatisch die eigene und die fremde Nachricht. Ein einfaches Verteilsystem leitete die Datensignale dann entweder an die angegebenen Adressaten weiter, die nicht einmal zehn Sekunden nach dem Absenden eine Benachrichtigung auf ihren Computern aufpoppen sahen.
Die als „fremd“ identifizierte Nachricht durchlief verschiedene Entschlüsselungssysteme, wo sie nach etwa einstündiger Rechenzeit dechiffriert war. Dies lag im Grunde jedoch nur daran, dass ja beide Seiten wussten, was der andere verschicken würde. Sie waren daher nur mit einer Alibiverschlüsselung codiert, die allein den Zweck hatte, neugierigen Amateurfunkern die Tür verschlossen zu halten.
Low lie the Fields of Athenry
Where once we watched the small free birds fly
Our love was on the wing, we had dreams and songs to sing
It's so lonely 'round the Fields of Athenry


-Eine Smith&Wesson übertrumpft vier Asse-

33

Mittwoch, 16. September 2015, 20:32

Der Spion, der aus der Kälte kam XV

Nur zu sagen, dass der Chef des Stabes der türkischen Armee, Vize-Admiral Özcan Tosun, sauer war, wäre in etwa so, als würde man den Berg Ararat einen kleinen Hügel nennen. Tosun hatte schon viel erlebt und war von vielen Dingen, mit denen er im Laufe seiner Karriere konfrontiert war, nicht sonderlich erfreut. Schließlich war die Reaktion auf Unerfreulichkeiten ein wichtiger Teil seiner Arbeit. Aber dies schlug dem Fass den Boden aus! Und so kam es, dass er seit dem gemeinsamen Mittagessen mit dem Verteidigungsminister so voller Zorn war, dass er befürchten musste, den Abend bei seinem guten Freund Dr. Temiz zu verbringen, der ihm unter Aufsicht Betablocker verabreichen würde.

Seit der Eroberung von Byzanz hatte es sich keine Macht der Welt mehr erlauben können, das Marmarameer oder den Bosporus mit seinen Schiffen zu durchfahren, ohne die Herrscher der Stadt um Erlaubnis zu fragen. Für verfeindete Mächte galt das besonders.
Beim Gedanken daran, wie ihm der Verteidigungsminister die „Information“ der NATO vermittelt hatte, dass nicht irgendein kleines russisches Kreuzfahrtschiff den Bosporus durchfahren wollte, wurde Tosun wieder schwindlig. In einem mehrseitigen Schreiben hatte das Oberkommando der NATO in der Ägäis, dem auch die Teile der Streitkräfte der Türkei formell unterstanden, mitgeteilt, das gleich der gesamte Verband um den Flugzeugträger Kusnetzov, Flaggschiff der russischen Schwarzmeerflotte, eben einmal so in die Ägäis verlegen sollte.

War diese Missachtung türkischer Souveränität der Preis dafür, das man sich nicht nur mit eigenen Mitteln gegen die „megali idea“ der Griechen wehren sollte?
Könnte man das Unternehmen nicht allein stemmen?
Und wer würde die Russen wieder aus der Ägäis verjagen, wenn sie nicht, wie versprochen, nach dem Unternehmen wieder freiwillig in das schwarze Meer zurückkehren würden?
Ihm fiel der deutsche Dichter Goethe ein: „Die Geister, die ich rief, werd' ich nun nicht mehr los“. Tosun hatte seine Jugend in Deutschland verbracht und dort das Abitur abgelegt, bevor er in seine Heimat zurückkehrte um seinem Vaterland zu dienen.
Mit all diesen Fragen im Kopf und immer noch voller Zorn im Bauch setzte er sich an seinen Schreibtisch. Zu den Klängen von Beethovens fünfter Symphonie machte sich der Vize-Admiral daran, die Informationen aus dem Verteidigungsministerium in Befehle an seine nachgeordneten Einheiten umzusetzen.
Low lie the Fields of Athenry
Where once we watched the small free birds fly
Our love was on the wing, we had dreams and songs to sing
It's so lonely 'round the Fields of Athenry


-Eine Smith&Wesson übertrumpft vier Asse-

34

Freitag, 18. September 2015, 18:38

Der Spion, der aus der Kälte kam XVI

„Das wird den Türken aber gar nicht gefallen“, kommentierte Konteradmiral Tupolev den Einsatzbefehl aus dem Hauptquartier der Schwarzmeerflotte, nachdem er ihn gemeinsam mit seinem Einsatzoffizier den Kommandanten seines Flottenverbandes vorgestellt hatte. Sie befanden sich im Besprechungsraum seines Flaggschiffs, der „Admiral flota Sowjetskowo Sojusa Kusnezov“. Kiel gelegt mit dem Namen "Riga " sollte der schwere Flugdeckkreuzer -unter dieser Bezeichnung firmieren Flugzeugträger in der russischen Flotte- zunächst "Sowjetunion" heißen. Dann benannte man das Schiff nach Staats- und Parteichef „Leonid Breschnew“, anschließend nach der georgischen Hauptstadt Tiflis. Nach der Abspaltung Georgiens aus der GUS bekam das Schiff seinen heutigen Namen nach dem Helden der Sowjetunion, der mehrfach befördert und entlassen wurde, und der erst 14 Jahre nach seinem Tod endgültig den Admiralsrang zurück erhielt.

Unter den Verbands-Kommandanten, die allesamt hochrangige Marineoffiziere waren, brach nach dem Briefing ein Murmeln aus, das von ungläubigem Kopfschütteln und Schulterzucken begleitet wurde. Schließlich erhob sich einer der Offiziere von seinem Platz.
„Erwarten wir, dass sie Wort halten werden?“, meldete sich Kapitän Barrisov, einer der jüngeren Offiziere, der es in einer steilen Karriere zum Kommandanten eines Raketenkreuzers gebracht hatte, fragend zu Wort.
„Das hängt wesentlich davon ab, ob sie uns glauben, dass wir nach der Unternehmung zurück in unser eigentliches Operationsgebiet verlegen“, entgegnete Tupolev.
„Wir haben die Frage im Flottenkommando eingehend diskutiert. Vizeadmiral Witko sieht die NATO in der Pflicht. Wenn es den Verantwortlichen dort gelingt, die Türken von unserer guten Absicht zu überzeugen, dann werden sie uns vertrauen. Der Befehlshaber war aber guter Dinge. Schließlich, so denkt Alexander Wiktorowitsch, haben die Türken die NATO zu Hilfe gerufen. Und die NATO hat uns bestellt. Kennen sie den Spruch: „Der Freund meines Freundes ist auch mein Freund.“? Das entspricht orientalischer Denkweise, soweit ich weiß.“
„Was, wenn sie es anders sehen?“, setzte Barrisov nach.
„Dann werden wir uns wehren müssen, wenn ich es entscheide“, entgegnete Tupolev.
„Die Besprechung ist beendet, kehren sie zurück zu ihren Schiffen und instruieren sie ihre Mannschaften!“
Auf dem Weg nach draußen nahm ein älterer Kapitänleutnant Barrisov zur Seite.
„Sie sollten nicht zu viel nachfragen, sonst endet ihre Karriere als Dirigent des Schwarzmeerflottenchors!“

2.500 Kilometer weiter südwestlich machte sich Hauptmann Bärbel Schatz Gedanken. Seit ihrer Ankunft auf Kreta und den nachrichtendienstlichen Entwicklungen war ihre Einheit personell verstärkt worden. Früher hätte sie die Hand für jeden Einzelnen ihrer Mitstreiter ins Feuer gelegt. Heute konnte sie das nicht mehr tun. Zwar wurde jede Soldatin und jeder Soldat, der mit der Auswertung des Funkverkehrs, egal ob ein- oder ausgehend, beschäftigt war sicherheitsüberprüft. Da sie diese „Sicherheitsüberprüfung“ jedoch auch selbst schon einmal gemacht hatte, wusste Schatz über den Wert dieser Maßnahme.

„Sie sind verantwortlich für den gesamten Nachrichtenverkehr von und nach Kreta?“, hatte sie der neue Chef des Oberkommandos, Oberst Fröhlich, mehr angeblafft als gefragt.
„Dann sehen sie zu, dass sie dieser Verantwortung auch gerecht werden! Wenn sie genauso viel Scheiße bauen, wie diese Jockeys in Kastelli, dann werden wir hier in zwanzig Jahren noch sitzen und den Griechen die Tränen vor Lachen in die Augen treiben“.

Neben den Bedenken, die sie mit Blick auf die Zuverlässigkeit einiger ihrer Verstärkungstruppen hatte, war dieser freundliche Einstand des neuen Chefs nicht geeignet gewesen, ihre Laune zu verbessern. Immerhin war es Oberst Dro16 in Kastelli bei seiner ersten Begegnung mit dem wenig fröhlichen Fröhlich nicht besser ergangen tröstete sie sich. Und sie freute sich schon auf das Abendessen mit Hallstein. Immerhin hatte man den schneidigen Fregattenkapitän nicht auch noch aus Heraklion abberufen.

Was Hauptmann Schatz nicht wusste war, dass in diesem Moment ein junger Stabsunteroffizier, einer von den neuen, mit seinem Smartphone sorgfältig Seite für Seite der Unterlagen aus dem Posteingangskorb seiner Eloka-Kompanie abfotografierte.
Low lie the Fields of Athenry
Where once we watched the small free birds fly
Our love was on the wing, we had dreams and songs to sing
It's so lonely 'round the Fields of Athenry


-Eine Smith&Wesson übertrumpft vier Asse-

35

Freitag, 16. Oktober 2015, 22:23

Der Spion, der aus der Kälte kam XVII

„Was für ein Bullshit! Was für ein elender Bullshit!“
Die Flüche aus dem Büro hallten, gefolgt von drei, vier ziemlich kräftigen Fausthieben auf den ziemlich harten Eichentisch des Commodore über die Flure des Stabsgebäudes.

Frau Bode, die Herrscherin über das Vorzimmer des Staffelchefs, hätte vor Schreck fast ihre Tasse Tee verschüttet. Keine drei Minuten zuvor hatte sie ihm den versiegelten Umschlag aus dem Hauptquartier in Heraklion auf den Schreibtisch gelegt. So oder so ähnlich musste man sich wohl eine Briefbombe vorstellen, sagte sie zu sich selbst.

Im gleichen Moment klingelte bereits ihr Telefon.
„Frau Bode, den X/O, den P/O und diesen Cester, sofort anrufen und in mein Büro schicken. Die sollen sich beeilen, wenn sie an ihren Posten hängen!“
Kaum hatte er dies gesagt, tutete es bereits wieder in der Leitung. Der Chef hatte den Hörer in die Gabel gehängt und Frau Bode wählte nach und nach die Nummern der so herbei zitierten auf ihrem Apparat und gab den Befehl weiter.

„Repatriierung! RE – PA – TRI – IE – RUNG!“, wetterte Colonel Dro, und hämmerte zwischen jeder Silbe noch einmal so heftig mit der Faust auf den Tisch, dass er sich im selben Moment wünschte, es nicht getan zu haben. Nicht nur, dass seine Hand jetzt richtig weh tat, auch die Kaffeetassen, die Frau Bode zusammen mit den drei Führungsoffizieren ins Büro des Chefs gebracht hatte, sprangen in die Höhe und verteilten ihren Inhalt über die Schriftstücke aus Heraklion, die den Commodore gerade an den Rand eines Herzinfarkts brachten.

„Wissen sie, was das in Klartext bedeutet?“
„Nun ja“, antwortete Lt. Colonel The Witch, der X/O und zugleich dienstältester Offizier im Raum, ein Mann mit klassischer Bildung.
„Es leitet sich ab vom lateinischen Wort ´patria´, was so viel wie ´Heimat´ bedeutet. Man kann wohl von Heimreise sprechen“.

Da begann der Zorn des C/Os Kopf groß und größer zu schwellen und seine Stimme brach los, wie der Donner aus einer Fluh (entliehen aus Jeremias Gotthelf „Die schwarze Spinne“)
„Heimreise? Wenn die von Repatriierung sprechen meinen die keine Reise in die Heimat, mal die Liebsten treffen und relaxen! Die meinen, wir sind zu blöd, eine F-16 im Einsatz zu fliegen, ungeeignet für weitere Missionen und ein Sicherheitsrisiko für befreundete und neutrale Kräfte! Das bedeutet es und nichts anderes. Wir sind raus! Finito, Ende, Adios, oder wie die hier sagen.“

Noch einmal hob er die Faust, lies sie aber wieder langsam nach unten sinken. Weniger, weil ihm die Dokumente aus dem HQ so wertvoll waren, sondern eher, weil er den stechenden Schmerz an der Handkante lieber nicht noch einmal spüren wollte.

P/O, besorgen sie ein Auto und einen Fahrer, wir fahren nach Heraklion! Wollen wir doch mal sehen, was dieser Spaßvogel Fröhlich uns von Angesicht zu Angesicht zu sagen hat.
Eine Viertelstunde später saßen die vier in einem VW-Transporter auf dem Weg über Landstraßen in die Hauptstadt Kretas.

Im Vorzimmer des Oberkommandierenden, Oberst im Generalstab Hans-Jürgen Fröhlich, lies man keinen Zweifel daran aufkommen, wie hoch erfreut man über den Besuch aus Kasteli war. Nach einer Dreiviertelstunde des Wartens auf einer Stuhlreihe im kalten Flur des HQ kam Frau Graf, die Vorzimmerchefin des OK, und bat Colonel Dro, ihr zu folgen. Die drei übrigen „Männer“ sollten sitzen bleiben und gefälligst nichts anrühren, sie hätten schließlich schon genug kaputt gemacht.
Im gleichen Moment kam eine Delegation französischer Offiziere aus Fröhlichs Büro, die sich angeregt in Landessprache unterhielt. Die Franzosen nickten kurz mitleidig, als sie die deutschen und österreichischen Offiziere im Flur sitzen saßen und gingen dann beschwingt und schwatzend ihres Weges.
Dro hingegen wurde von Frau Graf im „kleinen Besprechungszimmer“ dem Obristen (im Generalstab!) vorgeführt.

„Ach, sieh an, wer da ist“, begrüßte Fröhlich seinen Gast, „der Chef der 1st Black Wings, viereinhalbtausend Flugstunden, Silver Stars, Distinguished Flying Crosses, Air Medals und Air Force Crosses, Teilnahme an Feldzügen in Panama, Korea, Jugoslawien, dem Nahen Osten und Griechenland. Eine stolze Karriere, die sie jetzt krönen, nicht wahr, Colonel?

Dro konnte ob dieser erneuten Demütigung durch den Oberkommandierenden nur hart die Fassung behalten.
„Oberst“, setzte er an, „ich bin mir sicher, dass meine Staffel teilweise berechtigt kritisiert wurde. Nun ist es aber auch an mir zu kritisieren. Die unehrenhafte Repatriierung meiner Einheit werde ich nicht zulassen! Die Männer arbeiten und trainieren hart. Trotz mittelmäßiger Ausrüstung und einem bei Einsatzbeginn nur unzureichenden Ausbildungsstand haben wir es geschafft, eine Vielzahl junger Piloten zu integrieren, ihre Ausbildung abzuschließen. Wir haben eine Gesamt-Trefferquote von annähernd 80 Prozent. Fast 100 Feindmaschinen der Griechen wurden von uns unschädlich gemacht. Unsere Aufklärungsergebnisse waren stets exzellent.“

„Colonel, wenn SIE die Repatriierung nicht zulassen, dann wird eben ein anderer C/O ihre Männer auf dem Weg nach Italien anführen“, unterbrach ihn der Oberst kalt.

„Es liegt an Ihnen. Bis Mittwoch, 20 Uhr, sind sie in Brindisi! Ansonsten lasse ich Sie und ihre gesamte Staffel von den Feldjägern abholen und mit der Fähre nach Italien fahren. Verstanden? Und falls Sie sich fragen, wer nun dafür sorgt, dass wir hier in der südlichen Ägäis endlich die Oberhand gewinnen; das machen fortan Franzosen. Die Monsieurs möchten Kasteli am Donnerstag übernehmen. Also fangen sie besser an, ihren Plunder zu packen. Die Unterredung ist beendet. Wegtreten, aber sofort!“

Im gleichen Augenblick stand Frau Graf in der Tür. Colonel Dro stand auf, nahm Haltung an, salutierte vor dem Obersten im Generalstab, der den Gruß sitzend und schlampig erwiderte und verließ den Raum. Zurück im kalten Flur bedeutete er lediglich mit einer Kopfbewegung seinen Kameraden der Staffelleitung, ihm aus diesem Hauptquartier zu folgen. Der anschließende Befehl an den Fahrer war, zu einer griechischen Taverne zu fahren. Beim Abendessen mit Wein und zahlreichen Ouzo berichtete Colonel Dro, Commodore der 1st Glory Wings VFW, seinen leitenden Offizieren, was die Unterredung mit Fröhlich gebracht hatte. Als die vier die Taverne verließen, graute bereits das Morgenrot im Nordosten, wo die Insel Rhodos lag.
Low lie the Fields of Athenry
Where once we watched the small free birds fly
Our love was on the wing, we had dreams and songs to sing
It's so lonely 'round the Fields of Athenry


-Eine Smith&Wesson übertrumpft vier Asse-

36

Sonntag, 20. Dezember 2015, 22:45

Der Spion, der aus der Kälte kam XVIII

Am Abend des vierten Advents saß der kommandierende Offizier der 1st Glory Wings VFW noch spät an seinem Schreibtisch. Es war nicht unüblich, dass in dem Büro des C/O bis in die Nacht hinein Licht brannte. Doch Sonntagabends war das Stabsgebäude auf dem Militärflugplatz von Kastelli normalerweise unbesetzt. Die Vorweihnachtszeit tat ihr Übriges. Die Franzosen, seit einigen Wochen freundliche, gesellige Kameraden, waren bereits seit Dienstagabend nicht mehr da. Ihre Sonderstellung innerhalb der NATO erlaubte es ihnen, bzw. dem Oberkommando der Armée de l'air, einen verlängerten Weihnachts- und Neujahrsurlaub anzutreten. Die Kameraden der Glories erwarteten sie nicht vor Mitte Januar zurück auf dem Platz. Auch sie, Deutsche, Österreicher und Schweizer, freuten sich auf Weihnachten. Das letzte Kontingent durfte Katelli am Mittwochmorgen, einen Tag vor dem Heiligen Abend, verlassen. Unter den letzten, so war es guter Brauch, auch der C/O. Und anstatt müßig mit einem guten Buch oder vor seinem Schachcomputer in seiner Dienstwohnung zu sitzen, nutzte Colonel K. „Dro16“ D. die Zeit, sortierte Papiere, tippte hie und da einige Zeilen in seinen PC und stellte so, Stück für Stück, die Jahreschronik der Staffel zusammen.

Am gleichen Abend, nur einen Gebäudeblock weiter, stand sein Stellvertreter im Vorgarten seiner Doppelhaushälfte, die ihm auf Grund seiner Dienststellung zustand, und übte auf einem kleinen, gehegten und gepflegten Stück Rasen, das Putten unter schwierigen Lichtverhältnissen. In seinen Heimaturlaub würde Oberstleutnant J. „TheWitch“ D. nur ganz kurz auf der Bonner Hardthöhe vorbeischauen. Er würde im BMVg seine Vorgesetzte abholen und mit ihr sofort weiter nach Teneriffa fliegen. Das Weihnachtsfest und den Jahreswechsel würden sie ihrem Lieblings-Golfressort „Tiger's-Lodge“ verbringen. Der X/O wollte in Form sein, damit er nicht wieder jede Partie schmächlich verlieren würde. So freute sich der Gärtner der Airbase Kastelli über einen guten Nebenverdienst, und der passionierte Golfer hatte einen eigenen kleinen Trainingsplatz direkt vor der Haustür.

Den Abend des vierten Advents verbrachten die Technikoffiziere Leutnant C. „Cester“ W. und Major M. „Reaper“ L. im Keller des Serverraumes der Base. Dies war der Ort, an dem alle Strippen zusammen liefen. Hier fühlten sie sich am wohlsten, und hier verbrachten die beiden auch schon mal ihre Zeit, wenn die anderen Piloten einen Einsatz zu fliegen hatten. Aber was sollten sie auch machen, wenn die dafür unbedingt benötigten Computersysteme im Hintergrund nicht liefen? Alternativ wären alle in Kastelli geblieben und hätten Karten gespielt, oder ein Brettspiel.
Cester und Reaper waren wohl die Einzigen, die in diesen Tagen tatsächlich noch wichtige Arbeiten zu erledigen hatten. Sie bauten nämlich die Computeranlage so um, dass nicht nur jeder Pilot sich für Simulationseinsätze mit einem eigenen kleinen Computerprogramm namens „BMS“ verbinden konnte. Sie hatten außerdem vor, die Telefonanlage der Base durch moderne „Teamspeak“-Kommunikation zu ersetzen. Dafür hatten sie zunächst bei allen Piloten Geld eingesammelt und die Einnahmen dann in Ouzo und Rosen investiert. Damit waren sie direkt, in feinster Ausgehuniform in die kretische Regionalniederlassung der griechischen Telekom gefahren. Die mitgebrachten Naturalien geschickt bei den Damen und Herren Beamten der Fachbehörde einsetzend ,war es ihnen gelungen, ein Bauprojekt zu starten, das Kastelli Airbase mit einer breitbandigen Datenautobahn direkt an die Hauptstadt Heraklion anband. Die mühselige instabile Handy-Datenverbindung war damit nach nur dreiwöchiger Bauzeit überflüssig geworden. An die halb dienstliche und halb private Nutzung des vergleichbar schnellen NATO-Satelliten-Uplink hatten sie sich nicht getraut.

Nebenbei hatten die Beiden, mit Unterstützung anderer versierter PC-Spezialisten der 1st Glories noch dafür gesorgt, dass Lieutenant Colonel E. „Bluebird“ E. einen komplett neu aufgesetzten Privat-PC erhielt. Ihr Kamerad war bekannt dafür, dass er in kürzester Zeit aus einem funktionierenden Computersystem ein hakendes, langsames, verbuggtes Etwas machen konnte. Dennoch halfen ihm seine Freunde immer wieder aus der Patsche und alle freuten sich, wenn Bluebirds PC wieder fehlerfrei lief.

Den letzten Sonntagabend vor Weihnachten saß der beliebte Ausbilder E. „Hunter“ M. mit dem meisten seiner Trainees im Hörsaal des Unterkunftsgebäudes und erklärte in seinem unverwechselbaren saarländischen Dialekt: „Nichtlinear gekoppelt sind sechs Gleichungen des starren Körpers, drei Gleichungen zum Schwerpunkt sowie vier Quaternionen-Gleichungen für die Lage gelöst in vier Iterationen nach Runge Kutta RK4 ohne Näherungsverfahren.“
Keine Rückfragen, alle hatten es auf Anhieb begriffen. Hunter konnte aber auch wirklich die schwierigsten Dinge in einfache Worte fassen. Vielleicht lag es aber auch daran, dass sich alle schon auf das Fleisch vom Schwenker freuten, das es zur Feier der letzten Dienst-Tage zum Abschluss der Vorlesung geben sollte.
Chefausbilder J. „Stingray“ K., Oberster in der KuK Luftwaffe, und sein Ausbilderkollege, Major R. „Cupra“ F., KuK Dauerleihgabe an die Eidgenossen, sahen kurz von ihren Laptops auf, grinsten sich wissend an und widmeten sich dann wieder ihrer Aufgabe. Sie hatten sich vorgenommen, möglichst viele Dokumente ihres Ausbilderkollegen Major P. „Sparrow“ B. neu zu formatieren.

Major Sparrow zog es vor, den Abend des vierten Sonntags vor der Ankunft des Herrn in einer nahe gelegenen US-Sports-Taverne zu verbringen. Sparrow hatte nach einer militärischen Ausbildung der bewaffneten Fliegerei zunächst den Rücken zugekehrt. Während seiner Zeit als Privatpilot für verschiedene südeuropäische Regionalfluglinien und den Jetset des Mittelmeerraumes hatte er Bekanntschaft mit dem griechischen Fluglotsen Nikos gemacht. Den hatte er, nach seiner Rückkehr zur Luftwaffe, hier auf Kreta wieder getroffen. Nikos arbeitete inzwischen für die staatliche Flugsicherung und war verantwortlich für die Erstellung von SIDs und STARs. Unter dem Einfluss zahlreicher Retsina und Ouzo, sowie zu Burgern und Pommes, diskutierten sie heftig aber stets außerordentlich freundlich in fließendem Englisch die Auswirkungen unterschiedlicher Sinkraten auf den Körper eines Luftfahrzeuges bei gleichzeitigem Anstieg der Bodenhöhe.

Hauptmann C. „Caesar“ S. saß an diesem Sonntagabend in seinem Wohnzimmer. Er bewohnte die zweite Hälfte des Doppelhauses, in dem auch der Golfveteran seine Freizeit in Kastelli verbrachte. Mit einem Glas spanischen Rotweins und den Klängen von Beethovens 7. und 5. Symphonie saß der Personaloffizier an seinem Laptop und hämmerte einige Betrachtungen zur Adventszeit und über seine Kameraden in der Staffelleitung und im Ausbildungsbereich in die Tasten. Das Personalgeschäft würde er bis ins neue Jahr erst einmal ruhen lassen. Die Logbücher könnte das Personalamt auch noch im Januar in Augenschein nehmen. Erhöhten Sold für Beförderungen gab es schließlich auch rückwirkend. Ihn schauderte jedoch bei dem Gedanken an sein Postfach, wenn er es das erste Mal nach dieser kurzen Auszeit öffnen würde. Vielleicht gab es ja noch eine freie Planstelle für eine Schreibkraft für ihn. Einmal stand Caesar zwischendurch von seinem Wohnzimmertisch auf, ging ans Fenster und zündete sich einen seiner Lieblingszigarillos an. Dabei beobachtete er den X/O, der sich wieder und wieder bemühte, mit dem Putter die weiße Kugel in das Loch im Rasen zu bewegen. Gelegentlich konnte er kurzen Jubel hören, gelegentlich aber auch schimpfte der Oberstleutnant wie ein Rohrspatz.

Am Abend des vierten Advents saßen, fernab von aller irdischen Geschäftigkeit, wie hinter einem unsichtbaren aber auch undurchsichtigen Vorhang, die beiden Colonels H. „Jojo“ H. und A. „Jaws“ S., zusammen. Bei ihrem Blick auf das, was die 1st Glory Wings in diesem Augenblick gerade taten, sahen sich beide an und lachten. Genauso wie sie es an jedem Dienstagabend taten, wenn die vielen in Freundschaft verbundene Menschen sich am gemeinsamen Hobby Flugsimulation erfreuten. Fliegen in der Gemeinschaft der 1st Glory Wings. Eine Gemeinschaft, für deren Entstehen und Bestehen sie beide einen unschätzbaren Anteil geleistet haben. Eine Gemeinschaft, der Jojo und Jaws auch an diesem und jedem anderen Abend, hinter ihrem Vorhang, weit weg und zugleich ganz nah, noch immer angehören.
Low lie the Fields of Athenry
Where once we watched the small free birds fly
Our love was on the wing, we had dreams and songs to sing
It's so lonely 'round the Fields of Athenry


-Eine Smith&Wesson übertrumpft vier Asse-

37

Sonntag, 3. Januar 2016, 00:00

Der Spion, der aus der Kälte kam XIX

Captain Harold Coyle sah auf seine Uhr. Kurz vor zwei Uhr in der Früh. Es war eine kalte Januarnacht, die er gemeinsam mit einem russischen Obersten namens Walentin Wassiljewitsch Bondarenko auf den unbequemen Sitzbänken einer Bojewaja Maschina Pechoty 2, besser bekannt als BMP-2, verbrachte.
„Warum hießen eigentlich alle russische Offiziere so, als wären sie direkt aus einem Roman von Tom Clancy entsprungen?“, fragte sich Coyle, der als gefechtserfahrener Führer eines US-amerikanischen Panzerzuges gerade zum Verbindungsoffizier für Bondarenkos Mot.-Schützen Brigade geworden war. Eine Verwendung, die ihn, so er sie denn überlebte, für eine Beförderung zum Major qualifizieren würde.

Was das Überleben anging, hatte er in dieser Nacht seine Zweifel. Bondarenkos gepanzerte Truppe bildete den Kern der russischen Task-Force, welche die Halbinsel Peloponnes an der Meerenge von Korinth, dem Isthmus, abriegelte. Das gemeinsame Oberkommando, dem auch die Task-Force unterstand, erwartete, dass die verbliebenen Truppen des größenwahnsinnig gewordenen griechischen Despoten sie schon bald gewaltig unter Druck setzten würden. Für Bondarenko und Coyle war klar, dass in diesen Stunden die entscheidende Schlacht anstehen würde.
In ihrem Rücken hatten die NATO-Teile der Invasionstruppen die Stadt Tripolis (ein Name, der eigentlich darauf hindeutete, dass es sich um drei Städte handelte) nahezu komplett eingeschlossen. Wenn es den Griechen gelänge, diese Stadt zu entsetzen, wäre für sie die Nachschubversorgung wieder gesichert und die vor zwei Wochen so erfolgreiche gemeinsame Invasion von NATO- und russischen Truppen gescheitert. Der Krieg würde sich dann noch Monatelang hinziehen.
Könnten die Russen also den Durchbruch nur bis zum Morgengrauen verzögern, würde die NATO mit einem präzise geplanten kombinierten Luft-Boden Angriff auf die letzten Verteidiger Tripolis´ und auf das Hauptquartier von General Advokatidis weitere Angriffe der Griechen im Isthmus unnötig machen. Die Schlacht wäre dann fürs Erste beendet.

Was das Überleben anging hatte auf der anderen Seite der FLOT, der „Forward Line of own troops“, wie eine Front im modernen Militärjargon inzwischen bezeichnet wird, auch Oberstleutnant Georgios Papadopoulos seine Zweifel. Die Untersuchungskommission des griechischen Militärgerichtes war nachsichtig mit ihm umgegangen und hatte ihn von jeglicher Schuld für die Niederlage im Kampf um die Insel Rhodos freigesprochen. Später hatte er sogar noch eine Tapferkeitsmedaille aus den Händen von Marschall Stavridis erhalten.
Heute Nacht führte Papadopoulos neben seinen Panzern auch ein Panzergrenadierbataillon. Diese Truppen waren jedoch eilig einberufene und nur noch mäßig motivierte Reservisten aus der nordgriechischen Provinz, die, so wusste der Oberst, nur wenig zuzusetzen hatten, wenn sie bei ihrem Vormarsch auf Widerstand stoßen sollten. Und Widerstand, auch das wusste der Oberst, würde es bestimmt geben. Dafür kannte er die Russen zu gut. Papadopoulos hatte am Anfang nicht verstanden, wie es kommen konnte, dass die ehemaligen Verbündeten der Griechen so plötzlich die Fronten gewechselt hatten. In der Militärpropaganda wurde von einem schändlichen Verrat gesprochen, den die Russen am griechischen Volk verübt hätten. Doch auch in dem erfahrenen Oberst war inzwischen das Samenkorn des Zweifels zu der Erkenntnis gereift, dass Großmachtsstreben und übersteigerter Nationalismus nie zu Frieden führen würden. Ein militärischer Sieg würde automatisch weitere Ambitionen schüren, und ein Ende der Konflikte wäre niemals absehbar. Das alles wusste Papadopoulos und doch fühlte er sich als Soldat seinem Land zur Treue verpflichtet. Auch wenn das bedeutete, dass er vielleicht das Morgengrauen nicht mehr erleben würde.

Punkt zwei Uhr erwachte Papadopoulos Funkgerät nach einer mehrstündigen Funkstille zum Leben. „Hier Sparta eins an alle, hier Sparta eins an alle! Bereit machen! Fall -Xerxes-, ich wiederhole, Fall -Xerxes-! Viel Glück - Ende!“.
Im selben Moment schien um Papadopoulos herum die Erde zu beben und der Himmel war erleuchtet vom roten Schein hunderter fast simultan aufblitzender Mündungsfeuer. Die ersten Salven der griechischen Artillerie machten sich auf ihre elliptische Flugbahn in Richtung der russischen Task-Force.

Einige Kilometer weiter westlich sahen auch Coyle und Bondarenko die Lichtblitze am pechschwarzen Horizont. Wenige Sekunden später vernahmen sie das dumpfe Dröhnen wie nach einem heftigen Gewitter. Nun ging es also los. Jetzt ging es für sie darum, solange es nur irgend ging, der Korken im Hals einer Sektflasche zu bleiben. Bondarenko signalisierte seinen umliegenden Männern, sich so tief es nur irgend ging in den Boden einzugraben und die Köpfe unten zu behalten. Dann schloss er die Luke seines BMP, ließ den Fahrer ein Stück zurücksetzen und meldete den Beginn des Sturmes an das gemeinsame Oberkommando.

Dank der modernen Nachrichtentechnik erreichte Bondarenkos Spruch auch das feudale Büro des Militärattachés Dimitri Petrow in der russischen Botschaft von Athen. Er saß mit seinem deutschen Amtskollegen Oberst a.D. Von Bieberstein bei einer Partie Schach und einer Tasse Tee zu Tisch. Beide hatten das Eingetretene erwartet und begaben sich umgehend an den Kartentisch. Von Bieberstein war erleichtert. Nicht nur, weil es um seine Dame im Spiel nicht gut stand und mit ihrem Fall auch die Partie verloren gewesen wäre. Von Bieberstein war auch deswegen erleichtert, weil er den Planungen seiner ehemaligen Kameradinnen und Kameraden vertraute. Auch die Russen hatten sich in der erst kurzen Zeit des gemeinsamen Bündnisses als effektive, kreative und zuverlässige Partner erwiesen. Petrow und Von Bieberstein gingen davon aus, dass in diesen Minuten nur wenige hundert Kilometer entfernt der Auftakt zum Ende dieses militärischen Konflikts angebrochen war.
Low lie the Fields of Athenry
Where once we watched the small free birds fly
Our love was on the wing, we had dreams and songs to sing
It's so lonely 'round the Fields of Athenry


-Eine Smith&Wesson übertrumpft vier Asse-

38

Samstag, 16. Januar 2016, 17:26

Abschlussstatistik - end

Der C/O
»Dro16« hat folgendes Bild angehängt:
  • Abschlussstatistik Trojan Shadows.jpg
-------------------------------------------------------------------------------------------------- Geboren zu fliegen, aber gezwungen zur Arbeit!

39

Mittwoch, 20. Januar 2016, 09:45


An alle Piloten!

Das Allied Joint Force Command Naples (JFC Naples) hat seine NRF-Einheit und gleichzeitige "Speerspitze" der Ägäis-Mission noch nicht vergessen.

In Anerkennung und Würdigung der gezeigten Leistungen, verleiht das Operative Hauptkommando des Allied Command Operations (ACO) der NATO, an jeden Teilnehmer der Lage Scale Operation eine Dankesurkunde und den Patch "TROJAN SHADOWS" . Diese werden auch Aufnahme in das pers. Log bzw. in den Bereich der "Events" finden und uns noch lange an die gemeinsame Zeit in KASTELI/CRETE erinnern.



Vielen Dank für die tolle Zeit! :thumbup:

Es liegt jetzt an dem Autor und "Kriegsberichterstatter" C. die Schlussworte zu finden!

Der C/O

*Fast vergessen, "Fly Out by Bflat" steht noch aus. Den Rohentwurf habe ich bereits gesehen, klasse Arbeit! :thumbup:
»Dro16« hat folgendes Bild angehängt:
  • Urkunde_Patch.jpg
-------------------------------------------------------------------------------------------------- Geboren zu fliegen, aber gezwungen zur Arbeit!

40

Sonntag, 24. Januar 2016, 17:47



"Mission accomplished - Fly Out 1st GW"

Als Anlage der Mitschnitt von Bflat zum "Fly Out" unserer Kräfte von KASTELI/CRETE, klasse gemacht! :thumbup:

Leider wurde beim ersten Versuch der Beitrag gesperrt, wir kennen das Problem, die GEMA hat etwas dagegen. Aber auch so eine schöne Erinnerung an zurückliegende Tage, Wochen und Monate im Aegean Theater, in der Story "Trojan Shadows".

Der C/O

-------------------------------------------------------------------------------------------------- Geboren zu fliegen, aber gezwungen zur Arbeit!